Die Tränen meiner Großmutter" und Die Legende von der Senfprinzessin"

Während der „Corona-Zeit" gab es einen stillen, eher unauffälligen Trend: den Run auf die Archive – Menschen hatten Zeit, sich mit der eigenen Familiengeschichte zu befassen und so stiegen die Anfragen an Archive vielfach an. Auch ich wurde – eher unabsichtlich – Teil dieses Trends, als meine Mutter, mit einer flüchtig hingeworfenen Bemerkung, eine Flut von Fragen in mir auslöste.
Ich denke, es gibt in jeder Familie Familienlegenden", manche machen Mut, andere bedrücken eher und eigentlich braucht man viel Zeit, um sie erzählen. Sind sie nicht zu persönlich für die Öffentlichkeit? Und doch ist es mir wichtig, über zwei dieser Legenden zu berichten", vielleicht, weil ich die Arbeit von Archiven für Sammlung und Erhalt von Fakten so notwendig finde. Die hier gezeigten Illustrationen sind mehr skizzenhaft gehaltene Zeichnungen, weil ich über kein Fotomaterial zu meinen drei ProtagonistInnen verfügte – eine Art Gleichung mit drei Unbekannten.

Legende 1: Die Tränen meiner Großmutter"

Vor einigen Jahren übergab mir mein Vater feierlich einen Familienschmuck. Es war der Lieblingsschmuck meiner Großmutter – ein zartes Collier mit kleinen Diamanten. Seltsamerweise mochte ich diesen Schmuck nie besonders – ich fand, er passe nicht zu mir und er blieb ungetragen in einer Schubladen, ein Notgroschen für schlechte Zeiten. Meine Großmutter selbst stammte aus einer reichen Frankfurter Kaufmannsfamilie, ihr Leben jedoch verlief eher traurig und war von Mangel an Liebe geprägt. Diesen Schmuck jedoch trug sie immer, wenn es ihr möglich war. Fast ironisch nannte ich den Schmuck insgeheim: „Die Tränen meiner Großmutter"

Eine kleine Bemerkung meiner Mutter löste bei mir im Sommer 2020 eine ganze Reihe von Fragen aus: Das Collier habe zunächst dem jüdischen Geschäftspartner meines Urgroßvaters gehört. Durch den Verkauf des Schmucks habe dieser Partner seine abenteuerliche Flucht aus Deutschland während des Naziregimes finanzieren können. Ich war vollkommen überrascht, ich hörte davon zum ersten Mal und wollte unbedingt wissen, ob der Partners meines Urgroßvaters tatsächlich hatte fliehen können.
Es begann die Suche im sehr hilfsbereiten Stadtarchiv der Stadt Frankfurt. Da mein verstorbener Vater fast alle Familienunterlagen weggeworfen hatte, kannte ich nur den Nachnamen meines Urgroßvaters und Geburtsdatum meiner Großmutter.

Und tatsächlich ließen sich ein paar Akten finden, darunter eine Wiedergutmachungsakte. Um es kurz zu machen, ich war sehr betroffen, erfahren zu müssen, dass der Freund meines Urgroßvaters Walter Zeimann hieß und leider nicht hatte fliehen können. Aus unbekannten Gründen zog er ins Schwäbische nach Süßen, wo er 1938 verhaftet und nach Dachau gebracht wurde. Er starb dort bereits im November 1938. Mehr dazu hier. Er hinterließ keine Erben, nur eine vage Spur, der ich noch nachgehe, führte nach Buenos Aires. Ich recherchierte dann noch über die Archive in Dachau und in Wiesbaden, mit sehr geringem Erfolg. Ich habe keine Fotografien, weder von meinem Urgroßvater noch von Walter Zeimann. Nur die trockene Lektüre von Steuerunterlagen im Staatsarchiv Wiesbaden aus den 40-ger-Jahren konnte einen Hauch der Persönlichkeit Zeimanns erahnen lassen. So muss ich diese Geschichte zu meinem Bedauern vorerst ruhen lassen, auch wenn´s schwer fällt.


Eine weitere Familienlegende, die im Zusammenhang mit meinen Recherchen zu Walter Zeimann bröckelte, ist 
Legende 2: Die Legende von der Senfprinzessin"

Die Faszination meines Vaters für seine Großmutter Maria Anna Hubertine hat auch mein Leben stark geprägt:
Maria Hubertine stammte aus einer Düsseldorfer Senfdynastie und wurde mit meinem Urgroßvater verheiratet. Sie führte ein recht hochherrschaftliches Haus in Frankfurt, hatte drei Kinder, ausreichend Personal und es schien ihr an nichts zu mangeln. Jedoch muss mein Urgroßvater sehr rigide gewesen zu sein. Auf jeden Fall erzählt die Legende, dass Hubertine sich in einen Konzertpianisten der Frankfurter Oper verliebte, Ehemann und Familie verließ und mit dem Geliebten entfloh. Sie wurde enterbt und starb später einsam und verarmt in fremden Landen. Mein Vater bewunderte seine Großmutter Zeit seines Lebens für ihren Mut, ihre Liebe gegen alle Konventionen zu leben.

Ich beschloss, auch dieser Legende nachzugehen und stellte Anfragen an das Stadtarchiv in Düsseldorf. Zu meiner Verblüffung stellte ich fest, dass in der Geburtsurkunde Maria Hubertines Nieder-Ramstadt als Ort ihres Todes angegeben war. Ich wähnte meine Urgroßmutter irgendwo unter Palmen im heißen Wüstensand begraben. Peter Engels vom Stadtarchiv Darmstadt gab dann auf seine erfrischende Art Auskunft zum Stand von Maria Hubertine: Sie war „nur" bis Darmstadt gekommen und lebte von 1915 bis zu ihrem Tod  in der Liebfrauenstraße. Anfangs war sie mit einem Kaufmann verheiratet, der jedoch nach drei Jahren wieder aus der gemeinsamen Wohnung zog und sich scheiden ließ. Für die Romanze mit dem Konzertpianisten gab es demnach nicht viel Spielraum. Ob es ihn dann doch noch gegeben hat - sozusagen als Entrée??? Auch das werde ich wohl nicht mehr erfahren. Fakt ist, dass Hubertine tatsächlich arm verstarb und keine Grabstelle mehr zu finden ist. Und nun?

Nun habe ich auf einmal Wurzeln in Darmstadt, mit denen ich nie gerechnet hatte, denn eigentlich war ich ja 1985 nur zufällig in Darmstadt gelandet, weil ich dort die Aufnahmeprüfung für Design bestanden hatte.

 

Ich danke allen Archiven, die mir so schnell und bereitwillig dabei geholfen haben, zwei Familienlegenden aufzubereiten.


Verwendung von Collageelementen aus Archivmaterial des Stadtarchivs Frankfurt und des Staatsarchivs Wiesbaden